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Die Arbeit des Baubetriebshof : Auf Schatzsuche im Sperrmüll

Schwerte, 15.03.2010, Marie Lisa Schulz

Schwerte. Müll fasse ich nur mit spitzen Fingern an, bei unangenehmen Gerüchen rümpfe ich sofort die Nase. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um beim Schwerter Baubetriebshof einen Morgen mit anzupacken. Ich habe es trotzdem gewagt: Müllfrau für einen Tag. Ein Experiment mit blutigem Ausgang.

Drei Pullis, ein Unterhemd und eine Thermostrumpfhose habe ich mir frühmorgens im Halbschlaf übergestülpt. Dazu noch die Winterjacke und den dicken Wollschal – zumindest erfrieren werde ich an diesem trüben Montagmorgen nicht. Pünktlich um 6.30 Uhr melde ich mich als Eskimo verkleidet zum Dienst. „Dir wird schneller warm als dir lieb ist ”, prophezeit mir mein Kollege auf Zeit, Dieter Bothe (53). 18 Sperrmüllhaufen gilt es innerhalb der nächsten Stunden einzuladen – ein ganz normaler Durchschnittsmontag.

Als wäre es ein Kleinwagen, lenkt Jürgen Schreiber den zehn Meter langen und 15 Tonnen schweren Sperrgut-Wagen durch die engen Gassen. In der linken Hand hält er sein Salamibrot, mit der rechten das Lenkrad. Zeige mir deinen Sperrmüllhaufen und ich sage dir, wer du bist – so könnte das Berufsmotto der Entsorger heißen. Haufen Nummer eins ist überschaubar. Hier ein Kinderstuhl, da ein paar Bretter, dort noch ein alter Buggie. Alles wird mit lautem Hau-Ruck in das Wageninnere geworfen und sofort zerkleinert. Unter lautem Quietschen verschluckt die Presse ein Schränkchen, wartet hungrig auf den durchnässten Winnie-Puh Teppich.

Sperrmüllhaufen Nummer zwei gleicht einem Trümmerfeld. Kreuz und quer liegen Schrankwände, Latten und kleinste Holzteilchen. „Das ist richtig Maloche”, flucht Dieter Bothe. Und auch ich lerne die wasserdichten Arbeitshandschuh zu schätzen. Die triefend-nassen Möbel riechen streng, die unzähligen Kleinteile halten auf. Und immer wieder stechen die Nägel. Ich ramme sie mir in Beine, Hände und Arme. Jammern zählt aber nicht, der Müll muss weg.

7.50 Uhr. Noch 16 Haufen und unzählige Überraschungen liegen vor uns. Während die einen ihre Möbel der Marke „Eiche rustikal” akkurat aufreihen, stapeln andere ihren aussortierten Hausrat kunstvoll aufeinander. Hochwertige Stühle wandern ebenso kompromisslos in den Fahrzeugbauch wie billige Schrankwände.

Und trotzdem: Mitarbeiter Mustafa Akkaya (49) prüft jedes einzelne Teil noch einmal auf seinen Wiederverkaufswert. Er ist der Trödelkönig. Zwischen Plunder und nachgemachten Persern findet er kleine Kostbarkeiten. An den Haaren zieht er eine Barbie-Puppe aus einer Tüte, legt sie behutsam zu einer alten Gitarre mit gerissen Saiten. „Komisch, was die Leute wegschmeißen”, sagt er und packt ein komplettes Küchenservice ein. Am Samstag will er wieder mit seinem Stand auf dem Trödelmarkt stehen – sein Beruf ist gleichzeitig die Grundlage seines Hobbys. Mit einem Lader fährt Akkaya hinter dem Sperrwagen her, lädt Schrott und Sondermüll ein. Kühlschränke, Kabel und Farbeimer – Mülltrennung ist Pflicht.

Und während Schreiber den Wagen manövriert, kommt er ins Plaudern. Einmal habe er versehentlich Umzugsmöbel in die Presse geworfen, ein anderes Mal einen Ehering verschrottet. Damals Tragödien, heute amüsante Anekdoten.

Seit über 30 Jahren fahren Dieter Bothe und Hans Schreiber schon gemeinsam auf den Sperrmüll-Wagen. Mit der Zeit haben sich auch die ausrangierten Möbel verändert: „Echte Eiche gibt's kaum noch,” so Bothe. Stattdessen dominieren Pressholz-Konstruktionen. Die beiden Müllmänner freut's. Schließlich sind die leichter zu tragen. „Hals-, Wirbel- und Rückenprobleme haben wir alle”, erklärt Bothe. Trotzdem liebt er seine Arbeit. Frische Luft, nette Kollegen und spannende Stöberaktionen – was will man(n) mehr?

Halbzeit – nach Sperrmüllhaufen Nummer neun wird gefrühstückt. Eine echte Malocher-Pause. Brötchen, Kaffee und eine Zigarette. Und ich? Ich habe zwei meiner Pullis ausgezogen, meine erste Flasche Wasser geleert und meine Müdigkeit besiegt. Ich bin verletzt, verschmutzt und verschwitzt – aber zufrieden. Immerhin habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Einen Haufen Müll zu machen ist nicht schwer, ihn wegzuräumen umso mehr!

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1 Kommentare

Schön, dass man für Sperrmüll bezahlt und die Stadt das dann weiterverkauft. Das ist eine Frechheit!!!

#1 von Günter6 , am 16.03.2010 um 12:45
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