Aus Shaji berichtet Wieland Wagner
Lange galt Shaji als besonders trostloser Flecken, und wenn die zersiedelte 60.000-Einwohner-Stadt im Norden der ostchinesischen Provinz Jiangsu überhaupt für irgendwas bekannt war, dann dafür, dass die bitterarmen Bewohner aus dem ganzen Land Kunststoffschrott sammelten, ihn in kleine Teile zerraspelten, in Säcke verpackten und weiterverkauften.
Reich wurde das sogenannte "Mülldorf" (chinesisch: "Polancun") auf diese Weise nicht. Vom Wirtschaftswunder der Volksrepublik bekam es vor allem die Fernlaster mit, die aus Richtung Peking oder Shanghai durch Shaji donnern und die Menschen hupend von der Fahrbahn scheuchen.
Doch neuerdings keimt ausgerechnet in diesem ländlichen Elend bescheidener Wohlstand auf. Nicht wegen des Plastikschrotts - der türmt sich seit Ausbruch der globalen Wirtschaftskrise oft unverkäuflich vor den Ziegelhütten -, sondern dank des Internets und auch dank Ikea, dem schwedischen Möbelhaus.
Schon 1200 Familien betreiben hier rund 2000 Online-Shops, über die sie lokal fabrizierte Möbel verkaufen - mit Designs, die zumeist unverkennbar durch Ikea-Produkte inspiriert wurden, was sie in Shaji geradezu triumphierend zugeben. Pro Jahr setzen sie geschätzt gemeinsam fünf Millionen Euro um. Für die rückständige Gegend ist das eine beachtliche Summe, und einige besonders Erfolgreiche gelten für die ländlichen Verhältnisse hier schon als reich.
Chen Lei, 29, ist der Pionier der neuen Wachstumsbranche. Schon vor drei Jahren gründete er eher zufällig beim Surfen im Internet seinen ersten Laden in der chinesischen Online-Shoppingmall "Taobao" (zu deutsch "Schatzsuche").
Der Jungunternehmer, dem die Haare stets ins Gesicht fallen, hockt am Computer. Er und seine Angestellten tragen dicke Jacken, die Häuser sind ungeheizt trotz Frost. Aber die Kälte stört sie nicht, sie kleben fast an ihren Monitoren, wenn nötig 12 bis 16 Stunden am Tag.
Chinas größte virtuelle Einkaufsstraße
Ständig tönt es "ding dong" aus den Lautsprechern. Ein neuer potentieller Kunde verlangt dann per Online-Chat Auskunft über die Möbel aus Shaji: Wie schnell könnt ihr liefern? Wie leicht lässt sich das Regal zusammenschrauben? Taugen eure Möbel wirklich etwas?
Der Rest ist Routine auf "Taobao", Chinas größter virtueller Einkaufsstraße. Das Portal gehört Jack Ma, dem größten chinesischen Internet-Tycoon. Mitte 2009 waren offiziell 145 Millionen Nutzer registriert, im Jahr zuvor kam das Portal auf einen Gesamtumsatz von 99,96 Milliarden Yuan. Gleichzeitig fanden laut "Taobao" angeblich rund 570.000 Menschen Arbeit durch die Gründung von Online-Shops.
Unter ihnen Chen, der anders als viele seiner Nachbarn nicht per Dreirad durch den Ort tuckert, sondern stolz ein Auto der heimischen Marke "BYD" ("Build your dreams") vor der Tür parkt - und schon daran denkt, sich einen Honda zu kaufen. Aber jetzt beginnt für Chen erstmal die tägliche Hauptgeschäftszeit. Vom frühen Nachmittag bis früh morgens loggen sich die meisten Kaufwilligen in Großstädten von Shanghai bis Shenzhen ins Internet ein, um in Shaji zu bestellen, anstatt bei Ikea - dem großen schwedischen Vorbild, das die neureiche Mittelschicht in den Millionenstädten bedient und dessen Regale, Schreibtische, Betten oft dreimal so teuer sind wie Produkte aus Shaji.
Nachbarinnen mit Schere, Pappe und Klebeband
In Shaji lässt sich beobachten, wie auch das ländliche China immer mehr von der wachsenden Binnennachfrage profitiert. Chen greift sich einen Stapel von Bestellscheinen, die an diesem Tag eingegangen sind. Es wird Zeit, die Arbeiter in seinen zwei kleinen Fabriken mit den neuen Aufträgen zu versorgen. Er hastet über die Straße, aus einem Hinterhof kreischt eine Kreissäge; in einem Schuppen unter einem zugigen Wellblechdach sägen zehn Arbeiter Bretter in allen Größen zurecht.
Ein Vorarbeiter im weißen Kittel klebt mit einer Maschine Kunststofffurnier auf die Teile für einen Computertisch. Er heißt Cha Junchen, 44, und hat vor mehr als einem Jahr noch in der Provinz Shandong als Wanderarbeiter auf Baustellen malocht - wie die meisten, die in Shaji nach der Schule keine Jobs fanden. Dank des aufblühenden Online-Handels lebt er jetzt wieder bei seiner Familie.
Die Produktionsweise erinnert bisweilen an Methoden, die in privaten Bastelkellern üblich sind. Chen beschäftigt Nachbarinnen, um Regalbretter und Schrauben zu verpacken, mit Schere, Pappe und Klebeband - alles per Hand. Ihre Löhne sind auch für China niedrig: 60 bis 300 Euro im Monat.
Die Pakete mit den Möbelteilen gehen später per Express auf die Reise. Pünktliche Lieferung ist so gut wie garantiert. Über den vielen kleinen Läden von Shaji prangen inzwischen Firmenschilder aller großen chinesischen Express-Zustelldienste - das ist praktisch ein Nebenzweig des neuen Online-Handels, ebenso die fünf Computer-Shops, die in Shaji unlängst aufgemacht haben.
Danke! Je mehr Bürgen diese unfragbaren Fragen stellen, umso eher bekommen wir vielleicht unsere Politikdarsteller mal dazu, uns zu erzählen für wen solche Gesetze, Regelungen und Abkommen gut sein sollen (ausser sie selbst [...] mehr...
...kann mir das mal jemand erklären? Wieso kann China auf in Europa produzierte Waren so hohe Importzölle erheben dass sich nur noch die Produktion vor Ort lohnt....und die EU darf im Gegenzug nichtmal mickrigste Importzölle auf [...] mehr...
Wie kann China als WTO Mitglied hohe Einfuhrzölle auf PKW erheben? Und warum werden dann keine hohen Eifuhrzölle auf Textilien , Schuhe, Spielzeuge aus China in der EG erhoben usw um unsere Arbeitsplätze zu schützen? Schlafen [...] mehr...
Werter Diomedes, wie immer zwei exzellente Post an mich;ich brauche etwas Zeit zu antwarten;bei mir ist schon 8:30 abends und die Maedels rufen an.... hier noch ein guter Link der Sie auch heute Nacht beschaeftigen koennte [...] mehr...
ich wollte nicht alte Kamellen aufwärmen, ich denke eher so an aktuellere Naturkatastrophen und Industrieunfääle und ähnliches. Und die Art und Weise wie diese kommuniziert und dann auch effizient bewältigt werden. Beim übrigen [...] mehr...
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